Es gibt Tage, an denen erwarte ich jeden Moment einen Anruf von meinem Heimatplaneten, mit der lange ersehnten Nachricht, daß sie mich endlich nach Hause holen wollen. Denn: Von HIER kann ich eindeutig nicht stammen. HIER gehöre ich eindeutig nicht hin. Weil: Ein, sagen wir mal, Eichhörnchen, z.B, wird hineingeboren in sein, sagen wir mal, natürliches Umfeld: ein Wald, oder ein Park. Sitzt dieses Eichhörnchen in fortgeschrittenem Alter, sagen wir, in Menschenjahren um die 25, (wie alt werden Eichhörnchen eigentlich, und haben sie auch eine Pubertät?) dann auf einem Ast und überlegt sich: Hm. Gefällt mir dieser Wald? Mag ich eigentlich lieber Eicheln oder Walnüsse? Warum gibt es dieses Jahr so wenig Walnüsse? Bin ich eigentlich normal, wenn ich lieber Eicheln esse als Walnüsse? Haben andere mehr Walnüsse vergraben als ich? Vor allem: Alle anderen finden ihre Walnüsse einfach so auf dem Boden, sozusagen per Zufall, auf dem Nachhauseweg. Warum muss ich meine immer mühsam suchen, und selbst dann sind sie oft noch klein oder vertrocknet? Irgendwas mach ich wohl falsch. Es liegt sicher an meiner Familie. Kein Wunder, meine Eltern waren ja schon so antriebslos, kaum hatte meine Mutter das erste mal geworfen, haben sie sich ins erstbeste Astloch am untersten Baumende zurückgezogen und das war´s dann. Woher soll ich´s denn dann auch wissen? Außerdem habe ich schütteres Fell. Andere haben immer so dichtes, leuchtend oranges Fell. Ich bin bräunlich und eigentlich ziemlich unscheinbar. Eigentlich hasse ich diesen Wald, und diesen Baum, auf dem ich sitze. Es gibt doch so viele Wälder. Und so viele verschiedene Bäume! Warum sitz ich bloß auf DIESEM hier?? Und überhaupt: Wenn ich schon ein Tier sein muß, warum bin ich dann nicht, sagen wir, ein VOGEL! Die haben es so viel besser, können fliegen, wohin sie wollen. Oder eine BIENE: Dann hätte ich meinen festen Platz in der Gesellschaft und geregelte Arbeitszeiten und würde unter einer stabilen, monarchistischen Regierung leben. Aber was soll´s. Jetzt bin ich nun mal ein Eichhörnchen, und wenn ich nicht bald irgendwas eßbares finde, werd ich den Winter nicht überleben, also los, los.Kann mir nicht vorstellen, daß es dem Eichhörnchen so geht. Nein, es folgt seinem Instinkt! Aufwachen, Aufstehen, Frühstücken, von Ast zu Ast hüpfen, ein bißchen Schnuppern, ein bißchen Markieren, auf Brautschau gehen, Paaren, Kinder großziehen, Nest machen, Schlafengehen. So ungefähr. Ich finde, Eichhörnchen sehen immer sehr zufrieden aus. Fast frech. Ich habe noch nie ein träges, depressives Eichhörnchen gesehen. Nicht mal im Madison Square Park in New York, die hatten zwar die Farbe der Stadt angenommen und waren betongrau, aber agil und geschäftig und mit blinkenden, kleinen Knopfaugen.
Sowas geht mir also durch den Kopf, während ich die verschiedenen Gänge im Saturn durchschreite. Ein seltsamer Ort, besonders für Menschen wie mich, die mit Geld nicht umgehen können. Da gibt es Espressomaschinen für 5749 Euro und Plasmafernseher für 4989 Euro. Meine Espressomaschine hat, glaube ich, 19 Euro gekostet. Dafür ist allerdings der Griff schon ab und ich muß sie jetzt mit einem Topflappen und einem Geschirrtuch anfassen, wenn ich einschenken will. Egal. Einmal würde ich gerne jemand dabei erwischen, wie er so etwas kauft. Einfach nur um zu wissen, wie so ein Mensch denn aussieht. Mir wird schwindlig, wenn ich daran denke, einen Fernseher für 5000 Euro zu kaufen. Aber wie gesagt. Ich komme anscheinend von einem Planeten, auf dem es weder Geld noch elektronische Geräte gibt, denn beide gehören zu meinen natürlichen Feinden.
Östliche Philosophien raten einem ja, sich den Feind zum Freund zu machen, statt ihn zu bekämpfen. Irgendwo hab ich das mal gelesen. Ich versuch´s ja immer wieder. Und dann passieren solche Dinge, daß einem zB eine Festplatte runtergeschmissen wird und einfach kaputt geht. Das hätte ich zB nicht für möglich gehalten! Ich dachte tatsächlich, eine Festplatte wäre etwas sehr festes. So etwas wie eine Handy-simcard, nur viel, viel größer. Und dann erfahre ich, daß sie anscheinend eher so etwas ist wie ein Miniaturplattenspieler mit einer total potenten Miniplatte und einer Art Lesekopf, der auf den Mikrometer genau eingestellt ist. Na gut, wenn man das mal weiß, verliert man jedes Vertrauen in dieses Ding. Aber ich wußte das nicht. Hab da einfach immer alles reingestopft, über Jahre gesammelt, persönliche Dokumente, Musik, Filme, Fotos, und wenn es noch nicht auf meiner tollen, externen Festplatte gespeichert war, war es für mich noch nicht "in Sicherheit". Was für ein beruhigendes Gefühl das war, wenn sie da so lag in ihrem stets warmen Metallgehäuse, so robust anmutend als könnte es sogar einen Atomangriff überdauern, und mir durch ein kleines, blinkendes Lämpchen und leichte elektronische Verdauungsgeräusche angezeigt wurde, daß, was auch immer ich ihr gerade anvertraut hatte, sicher in ihrem Inneren angekommen war. Mein Baby. Mein Bunker. Mein Sicherheitsraum, in dem nicht nur, um wieder die Eichhörnchenparallele aufzugreifen, die stinknormalen, lebensnotwendigen Nüsse aufbewahrt wurden, sondern vor allem die besonderen, die einzigartigen. Zeilen, die ich an einem besonders schönen Tag geschrieben hatte und die ich immer wieder hervorgeholt hatte um ein wenig zu schwelgen, Briefe, die mir jemand geschickt hatte und die ich hervorholen konnte wenn ich das Bedürfnis nach Gesellschaft hatte und gerade niemand da war. Gestern habe ich sie dann in einer Plastiktüte zurückbekommen, meine arme, tote Festplatte. Sie könnte zwar noch gerettet werden, durch einen schwierigen Eingriff in einem speziellen Labor. Das ist allerdings sehr, sehr teuer. So ähnlich fühlt man sich wohl, wenn man vor der Frage steht, ob man seiner Hauskatze jetzt die Bandscheibenoperation zahlen soll, die ungefähr so viel kostet wie 200 neue Katzen. Schrecklich.
Zum Glück hat man in solchen Fällen schnell die "Heute" zur Hand, wo man sich versichern kann, daß es weit schlimmere Verluste gibt und überhaupt weit größere Kathastrophen. Und zum Glück gibt es immer jemanden, der selbst an so einer Begebenheit noch etwas Gutes findet. Vielleicht ist es ja gut, daß 6 Jahre fast tägliche Tagebucheintragungen verloren sind; man soll ja der Vergangenheit schließlich nicht nachhängen. Hm. Nachhängen, nein. Aber ich mag die Vergangenheit trotzdem ganz gern. Ich lese gern über Tage, die schon vorbei sind, Tage, die mir Spaß gemacht haben. Die sind nämlich vorbei und waren genau so und können sich nicht mehr verändern. Und wenn sie gut waren, dann ist das schon ein Stein im Brett. Und wenn sie verrückt waren, dann kann man voller Freude nochmal durchspazieren und sich nochmal drüber wundern. Und man kann sich sogar für das Hier und Jetzt Kraft aus ihnen holen. Ich mag meine Erinnerungen. Wie´s bei Sondheim so schön heißt: "Oh if life were made of moments! - Even now and than a sad one. But - if life were made of moments - then you´d never know you HAD one".
Soviel dazu. Während ich also noch um meine Festplatte trauere, trage ich in einem riesengroßen Saturn-sackerl einen neugekauften Drucker heim. Immer wieder sehe ich Leute, denen so etwas scheinbar großes Vergnügen, wenn nicht sogar Lust bereitet. Mir ist es ein Greuel. Wieder etwas, das kaputt gehen kann. Wieder ein Kabel mehr. Wieder eine Gebrauchsanweisung, eine Rechnung, eine Garantie. Und erst alles was davor kommt: Gespräche mit käsigen Kundenberatern, die aussehen, als wären sie schon vor dem Rechner auf die Welt gekommen, die einem erklären auf wie viele tausend Seiten wie viel Toner kommt und wo man wieviel sparen kann und daß der und der Drucker zusätzlich auch noch scannen, faxen, telefonieren und von mir aus auch Espresso kochen kann. Dafür kann ich mir meine Tagebuchseiten jetzt ausdrucken. Dann kaufe ich mir ein Grundstück und vergrabe die Seiten dort in einem feuerfesten, stoßfesten Safe. Und den Zugangscode laß ich mir eintätowieren. So gesehen gibt es tatsächlich Wichtigeres im Leben. Ich stell das große, schöne neue Saturnsackerl mit dem Drucker gleich neben das kleine, weiße mit der toten Festplatte drin und laß es da erst mal stehen. Dem Instinkt folgen. Kaffee trinken, Zeitung lesen, Kopf schütteln. Selbst wenn das alles KEINEN Grund hat ist es nicht mal schlimm genug um einen zu brauchen.


